Hintergrund integrieren; vielmehr scheint sie wie aufgesetzt zu sein und demzufolge über der Bildfläche zu schweben. Dies kann den Eindruck von Unfertigkeit beim Betrachter evozieren.
Da die streifenförmigen Bänder nur fragmentarisch vorhanden sind, kann sich der Betrachter eine Ausdehnung über den Bildrand hinaus vorstellen, was den Bewegungscharakter der Formen unterstützt. Das Vor- und Zurückweichen der Formen, kann gleichsam als Atemrhythmus des Bildes gedeutet werden. Dies verhindert teilweise eine klare Ordnung in der Tiefenstaffelung. Ein Kampf um die Vorherrschaft im Bild, um eine klare Ordnungsstruktur von Figur-Grund-Beziehung entsteht. Das augenscheinliche Vor- und Zurückdrängen im Bild fordert die Wahrnehmung des Betrachters heraus. Ein aktives Sehen- Wollen ist Voraussetzung für das Verständnis der Tiefenstruktur innerhalb des Bildganzen.


Die Textur

Auffällig im Bild sind klar definierte Formgrenzen, die sich abwechseln mit leisen verfliessenden Wischtönen. Diese hauchartigen Farbübergänge stehen als lyrisches Moment den scharfkantig sperrigen Formen entgegen. Die pastos gehaltenen Farbfetzen wirken wie aufgesetzt. Der Farbauftrag scheint hier etwas vom verwendeten Werkzeug, einem Metallspachtel, abbekommen zu haben. Dieses Material ist hier auf der Leinwand keineswegs präsent im Sinne einer Applikation, dennoch lassen die vorhandenen Spuren auf etwas Hartes, Kantiges schliessen, das als Werkzeug gedient haben muss. Scharfe, flächig gehaltene Spitzen wechseln sich ab mit aufgelösten Kratzspuren, Verwerfungen, Verschiebungen oder Brüchen von Farbmassen.                                                                                                                                                                                   
 

                                                                                                    Mariolina Catania, Designerin

 

 

Zwischen Chaos und Ordnung

Kunstgeschichtlich betrachtet scheinen Florian Streits Bilder dem Informel verpflichtet zu sein. Tatsächlich sind amerikanische Künstler aus den 50er Jahren eine seiner Inspirationsquellen. Untersucht man die Bilder genauer, so kommt der Unterschied zu Tage: In Streits Bildern lassen sich klar definierte Strukturen erkennen. Oftmals verschwindet die Ausgangsstruktur in der Mehrschichtigkeit der Farbflächen. Manche Bilder sind mit einem tapetenartigen Muster hinterlegt. Dieses bleibt aber in den seltensten Fällen noch bis zum Abschluss des Bildes sichtbar. Man kann sich auch kaum vorstellen, dass sich meist ein Zwischenstadium als monochrom gehaltene, schwarze geschlossene Farbfläche einstellt. Diese wird dann in einem subtraktiven Verfahren weggespachtelt, bis nur noch fragmentarische Spuren davon zurückbleiben. Die Vorgehensweise ist eine dialektische: Mehrere Schichten werden mit Pinsel oder Spatel aufgetragen und in einem weiteren Schritt teilweise wieder weggekratzt. Neue Strukturen in intensiverer Farbgebung kommen hinzu. Auch hier wird die neue Anordnung sogleich wieder „zerstört“. Übrig bleiben flächig aufgesetzte Farbbänder, die ein offenes System bilden und in Dialog mit der Umgebung (Hintergrund) treten.


Farbe im Dienste der Funktion

Die Farbe hat keinen realistischen Bezug zu unserer Umwelt in der wir leben. Das primäre Ziel der Farbgebung ist es auch nicht die emotionale Resonanz im Betrachter zu wecken. Vielmehr erfolgt die Farbwahl aufgrund von funktionellen Überlegungen. Die Farbe übernimmt die Funktion, verschiedene Ebenen räumlich sichtbar werden zu lassen. Das Farbgesetz, dass warme Farben nach vorne drängen und kalte Farben zurückweichen verkehrt sich in Streits Bildern oft ins Gegenteil. Wenn die kälteste Farbe im Bild häufig zugleich die intensivste ist, kann sich die Farbe nicht in den

 

Kindergesicht

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Florian Streit geht vom menschlichen Antlitz in seiner Realität aus, das er als Fotografie seinem Werk zu Grunde legt. Dieses Kindergesicht unterzieht er einem langwierigen Dekonstruktions–Prozess: Durch Digitalisierung, Übermalung und Spachteltechnik erfährt das Gesicht eine tief greifende  Verwandlung und Verfremdung.

Ich als Betrachter muss den umgekehrten Weg beschreiten. Stehe ich zuerst nahe beim Bild, bin ich zunächst einmal konfrontiert mit einem wüsten Wirrwarr von Farbflecken, Pinselspuren, Spachtelkratzern, Farbfetzen und –schlirggen, bei denen ich nichts Figürliches erkennen kann. Erst aus ein paar Schritten Entfernung lässt sich dann unter dem Farbauftrag ein menschliches Antlitz erahnen.

Die Pinsel- und Spachtelspuren, die das zu Grunde liegende Kindergesicht überdecken, erinnern mich an Gazebinden, mit denen ein verletztes Antlitz im Spitalbett eingewickelt wurde, um dem Gesicht die Wiederherstellung und Genesung zu ermöglichen. – Sie erinnern mich an essenzgetränkte Bänder, mit denen die Ägypter ihre Könige einbalsamiert haben, um den Mumien den Übergang ins Totenreich zu ermöglichen. – Sie erinnern mich an Seidenfäden, mit der die Raupe sich in ihre Puppe eingesponnen hat, um die Umwandlung in einen Schmetterling zu vollziehen.

Trete ich noch einige Schritte zurück und kneife die Augen etwas zu, so vollzieht sich tatsächlich in diesem Antlitz eine erstaunliche Wandlung: Das Kindergesicht wird heil, der ägyptische König lebt wieder auf im ewigen Totenreich, die Raupe fliegt nach ihrem dunklen Puppenstadium als Schmetterling in die Welt hinaus. Die versehrte Welt kann genesen.

                                        Dr, Peter Chmelik
                                        Reinach BL
                                        3. Juli 2008

 

 

 

Neue Bilder von Florian Streit